Dr. GISLIND NABAKOWSKI / FAZ FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG / 05.02.2002
DER WEG IN DIE STADT - RENÉ SPALEK IN WIESBADEN (Fotogalerie Lichtbild)

Witz, Ernst, Tempo, Ruhe, Emotion und kühl kalkulierte Form sind Qualitäten der Stadtfotografien von René Spalek. Die Arbeiten . . . wurden mit so renommierten Preisen wie dem Deutschen Photopreis und dem BFF-Award ausgezeichnet. 1996 waren sie bei den „Rencontres de la Photographie in Arles" ausgestellt . . .

. . . Ein großer Schwerpunkt der Fotos zeigt gigantische, technologische Bauformen aus ungewohnten Blickwinkeln. Ebenso kontinuierlich beobachtet der Fotograf Menschen in europäischen oder amerikanischen Metropolen. Egal ob in London, Lissabon, Rom, Berlin, Prag, Havanna oder New York, die Blicke der fotografierten Menschen signalisieren meist ein Bewußtsein für die stete Präsenz des Kameaauges. So ist die Stadt - metaphorisch gesagt - ein sich wandelnder Körper, durchdrungen von Technologie und hat, wie wir aus der Poesie wissen, Augen.

Doch definiert sich der Fotograf keinesfalls als Jäger von Sensationen, sondern als verantwortlicher Mitauslöser von Bildern, die darauf aus sind, Nähe zu erzeugen und Klischees zu vermeiden. Die Stadt wird zur vom Leben der Kinder eroberten Bühne: Welten und Stimmungen werden beschrieben, Bewegungen, Kontraste und Unterschiede im Detail, frei von Erstarrung, festgehalten. Der Fotograf grenzt seine Bilder jedoch formal auch gegen das Straßen- und Dokumentarfotografie-Genre ab. Auf einem der Fotos benutzen Kinder in Kuba eine sozialistische Skulptur für eine heitere Rutschpartie. Sie und die Jugendlichen nehmen sich von der Stadt, was sie brauchen. Sie prägen sie durch ihre Bedürfnisse mit.

Der auch bildästhetisch betonte, sehr starke Kontrast zwischen den vom Konsum getriebenen Jugendlichen, die als schwärmende Horde, in teure „Streetware" gekleidet, gelangweilt durch Berliner U-Bahn-Stationen pirschen und Kubas dunkelhäutigen Heranwachsenden, die sich lachend und überdies leicht trunken vom Rurn im Regen auf dem nassen Straßenasphalt hin und herwälzen, fixiert unterschiedliche kulturelle und soziale Lebensfelder, hier den verwahrlosten Überdruß, dort die Freude kleiner Fluchten.

Aus einer klug dosierten Mischung aus Intuition und Kalkül sind die „personal projects" entstanden. Trotz Globalisierung werden unverwechselbare Momente des Unwiederholbaren aufgespürt, die noch nicht den Effekten einer weltweiten Komrnerzialisierung gleichgesetzt sind.
Der oft malerischen Szenerie wird ebenso dank des Weitwinkelobjektivs - Raum gewährt, wie der Einengung des Blickfelds im gezielten Bildausschnitt. Die Technik kombiniert natürliches Licht flexibel mit künstlichem.

René Spalek gestaltet nicht selten mit den Menschen diese Bilder. Es geht letztendlich um Partizipation, die Überwindung von Barrieren, um das Faszinosum, die Stadt und ihr Leben als Bild zu begreifen. Hier blitzt im kleinen die Utopie des gemeinsamen Handelns auf, die auch die dargestellten Menschen als Bildproduzenten beteiligt . . .

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